Kunst und Design können sich unter anderem dadurch weiterentwickeln, dass Kunstschaffende in anderen Kunstwerken und Designs – manchmal auch aus anderen Ländern und Kulturen – Inspiration finden und sich von ihnen beeinflussen lassen. Die Kunstrichtung Ukiyo-e hat sowohl die japanische als auch die westliche Kunst, wie wir sie heute sehen, beeinflusst.

Was im 17. Jahrhundert in Japan begann, hat sich seinen Weg in die moderne westliche Welt und das Design gebahnt. In diesem Artikel schauen wir uns an, wie Ukiyo-e entstanden ist und welchen Zweck es erfüllte, während es sich überall auf der Welt verbreitete. Wir sprechen über die Merkmale von Ukiyo-e, erwähnenswerte Künstler und Künstlerinnen und wie manche Marken es in ihre Designs einarbeiten, um etwas Einzigartiges und Aufsehenerregendes zu kreieren.

Ukiyo-e Design
Illustration von OrangeCrush

Was ist Ukiyo-e?

Ukiyo-e ist eine Form des Holzschnitts und der Malerei, die auf das Japan des 17. Jahrhunderts zurückgeht. Damals wich dieser neue Kunststil von den traditionellen, ultrarealistischen Kunstwerken ab, nach denen so viele Kunstschaffende strebten.

Diese Designs waren minimalistisch und bestanden in der Regel aus einer einfachen Linienführung, die dann meisterhaft mit kräftigen Farben vollendet wurden. Der Kontrast zwischen einfachem, fokussiertem Design und lebhaften, dramatischen Farben half dabei, das flache, zweidimensionale Design zum Leben zu erwecken.

Lovers Walking in the Snow
Lovers Walking in the Snow (Crow and Heron) 1764 – 72 von Suzuki Harunobu. Via Met Museum
Midnight: Mother and Sleepy Child
Midnight: Mother and Sleepy Child (1790) von Kitagawa Utamaro. Via Met Museum
Evening Snow at Kanbara
Evening Snow at Kanbara, aus der Serie „Die 53 Stationen des Tōkaidō“, ca. 1833 –34 von Utagawa Hiroshige. Via Met Museum
Otsu ca. 1840
Otsu ca. 1840 via Met Museum

Statt den Raum mit detailreichen, ablenkenden Dingen zu füllen, konzentriert sich Ukiyo-e auf ein einziges Motiv, welches durch die gezielte Linienführung und Farben inmitten eines natürlichen und wunderschönen Hintergrunds besonders zur Geltung kommen kann. Obwohl es viele Variationen gibt, sind es vor allem diese Komponenten, die Ukiyo-e ausmachen und es von anderen Designformen unterscheiden.

Hauptmerkmale des Ukiyo-e

  • klare, eindeutige Linienführung
  • kräftige Formen und Designs
  • unschattierte, kontrastarme Farbe
  • fantasievoller Ausschnitt von Figuren
  • kräftige, lebhafte Farben
  • das Werk stellt in der Regel ein sehr alltägliches Bild dar
  • naturorientiert
  • aufwendiger Hintergrund, oftmals mit asymmetrischer Platzierung der Hauptfigur(en) oder des Mittelpunkts des Werks

Ukiyo-e-Designs im Laufe der Jahrzehnte

Ukiyo-e stammt aus der Nara-Zeit (646–794), etablierte sich aber erst vollständig um das Jahr 1603 herum. Und seine wahre Blütezeit begann während der Edo-Zeit von 1603–1867, einem der letzten Abschnitte des traditionellen Japans.

Die Edo-Zeit war eine Zeit innerer Ruhe – die politischen Verhältnisse waren stabil, die Wirtschaft florierte, Japan entwickelte sich hin zu einer städtischeren Kultur und die Bevölkerung wuchs.

Da das Bürgertum rasch von der wirtschaftlichen Freiheit profitierte, wurden Ukiyo-e-Kunstwerke in japanischen Häusern zum Hauptaugenmerk. Diese minimalistische Darstellung der Kultur, des alltäglichen Lebens der Menschen und der Natur war unter dem Bürgertum bereits beliebt, aber nun waren sie endlich in der Lage, die Werke kaufen zu können.

Drei Kabuki-Schauspieler, die Hanetsuki spielen
Drei Kabuki-Schauspieler spielen Hanetsuki“, ca. 1823, von Utagawa Kuniyasu via Met Museum

Ukiyo-e, was so viel wie „Bilder der fließenden Welt“ bedeutet, war eine Darstellung des wohlhabenden Bürgertums und ihrer Tummelplätze. „Die fließende Welt“ waren zur damaligen Zeit die Theater- und Rotlichtbezirke in den urbanen Gegenden Japans. Diese Kunst wurde geschaffen, um den ausschweifenden Lebensstil der neuen Elite zu kommentieren und dabei selbst zu dem Kunstwerk zu werden, das sie konsumierte.

Als Ukiyo-e immer beliebter wurde, begannen Künstler damit, Menschen in den Mittelpunkt zu rücken. Portraits von Geishas und Kurtisanen (weibliche Unterhaltungskünstlerinnen) wurde zum Hauptmotiv. Diese Kunstwerke sollten mit Abbildungen des weiblichen Körpers und seiner Schönheit kommerziellen Interessen dienen, um für Kleidung zu werben, männlichen Betrachtern zu gefallen und Schönheitsstandards durchzusetzen.

Kabuki Actor Ōtani Oniji III
Druck eines sehr bekannten Schauspielers, mit dem sein Auftritt beworben wurde und der als Souvenir diente. Via Met Museum
The Courtesan Hanaōgi of the Ōgiya Brothel
Ukiyo-e-Gemälde in denen Geishas und Kurtisanen gezeigt wurden, waren eines der heimlichen Vergnügen der Japaner und gleichzeitig ihre wichtigste Werbung. Via Met Museum

Als man schließlich realisierte, wie nützlich dies in der Werbewelt war, wurde es genutzt, um Theateraufführungen zu bewerben. Es diente zudem als Werbung, Sammlerstücke und Souvenirs. Die Illustrationen wurden farblich immer lebhafter und zeigten exzentrisches Makeup und eine beeindruckende Körpersprache. Vor allem die Plakate des Kabuki-Theaters wurden zu einem der wichtigsten Mittel, da sie neue und spannende Wege schafften, die Theaterkultur – an der das neureiche Bürgertum besonders Gefallen fand – bekannt zu machen.

Neben den Theaterplakaten und Geisha-Drucken gab es in der Ukiyo-e-Kunst auch historische Werke, die dem typischen Stil leicht widersprachen, da sie extrem detailliert und extravagant waren. In ihnen wurden Landschaften und Darstellungen des Frühlings gezeigt, wenngleich diese Formen weniger beliebt waren als traditionelle Drucke. Die letzten paar Ergänzungen waren zeitaufwendiger, zeigen aber, wie umfangreich und breit gefächert Ukiyo-e ist.

Erwähnenswerte Künstler des Ukiyo-e

Einer der bekanntesten Maler und Grafiker der Edo-Zeit ist Katsushika Hokusai. Er ist bekannt als einer der führenden Experten zu chinesischer Malerei in Japan und schuf eine der bekanntesten Holzschnittserien: „36 Ansichten des Berges Fuji“. Diese Serie enthält das berühmte Bild „Die große Welle vor Kanagawa“, einem Gemälde, das noch heute häufig zu sehen ist.

Die große Welle vor Kanagawa
Eines der bekanntesten Ukiyo-e-Gemälde, das die kräftige Farbpalette und sorgfältige Linienführung des Ukiyo-e widerspiegelt. Via Met Museum

Viel weiß man nicht über Tōshūsai Sharaku (1794–1795), selbst sein Geburts- und Sterbedatum sind Schätzungen, aber seine Holzschnitte mit Kabuki-Schauspielern sind noch immer unglaublich beliebt. Drucke von Schauspielern waren einer der wichtigsten Gründe, weshalb Ukiyo-e eine solch weite Verbreitung fand.

Im Gegensatz zu Sharaku konzentrierte sich Utagawa Hiroshige (1797–1858) in seinen Werken nicht auf Schauspieler, sondern auf Landschaften. Zu seinen erwähnenswertesten Werken zählen „Die 53 Stationen des Tōkaidō“, ein horizontales Landschaftsgemälde, das eine verschneite Raststation zeigt (wie zuvor im Artikel gesehen) und „100 berühmten Ansichten von Edo“. Er wird als der letzte große Künstler angesehen, der der wahren Tradition des Ukiyo-e gefolgt ist.

Naruto Whirlpools,
Einer von Hiroshiges bekanntesten Landschafts-Holzschnitte. Via The Clark
The Actor Onoye Matsusuke as a Ronin
Einer von vielen Schauspielern, die von Sharaku gemalt wurden. Via Met Museum

Natürlich gibt es Hunderte anderer Künstler, die es sich anzuschauen lohnt, aber zu den einflussreichsten und vielleicht erfolgreichsten Künstlern der damaligen Zeit zählt Utagawa Kunisada III (1786–1865). Er entwickelte seinen Stil stetig weiter, um dem Markt gerecht zu werden. Darüber hinaus kreierte er mehr als 20.000 Werke. Ebenfalls erwähnenswert ist Tsukioka Yoshitoshi (1839–1892), der als letzter großer Meister des Holzschnitts und der Malerei im Ukiyo-e-Stil bekannt ist. Sein Stil gilt als der innovativste.

Kabuki Actor
Ein weiteres Ukiyo-e-Design, das einen berühmten Schauspieler der damaligen Zeit zeigt – nur eines von vielen von Kunisada. Via Met Museum
Banzuiin Chōbei
Banzuiin Chōbei von Yoshitoshi verkörpert den Ukiyo-e-Stil, nutzt aber Raum und Farbe anders als die meisten anderen Designs. Via Met Museum

Und schließlich gab es noch Kobayashi Kiyochika (1847–1915), dessen Arbeiten die rasante Modernisierung und Verwestlichung Japans während der Meiji-Zeit darstellen. Er nutzte Lichtquellen und Schattierungen, genannt kōsen-ga, inspiriert von westlichen Kunsttechniken. Sein Werk stellt eine Brücke zwischen dem traditionellen japanischen Holzschnitt und den westlichen Versionen dar.

Höfling aus der Heian-Zeit
Kiyochikas „Höfling aus der Heian-Zeit“ verkörpert die neuen Stile und Elemente, die durch die Verwestlichung Japans entstanden. Via Met Museum

Ukiyo-e und sein Einfluss auf westliche Kultur

Ukiyo-e wurde der westlichen Welt durch die Weltausstellung in Paris 1867 bekannt. Von da an beeinflusste japanische Kunst westliche Werke und der Begriff Japonismus entstand, um sich auf die Beliebtheit und den Einfluss japanischer Kunst zu beziehen.

Der Einzug des Ukiyo-e in die westliche Welt inspirierte Künstler wie van Gogh, Bonnard, Cassat, Monet und weitere, die diese Techniken in ihren eigenen Werken nutzten.

Ein Beispiel dafür, welch großen Einfluss Ukiyo-e hatte, ist Vincent van Gogh. Als er auf Ukiyo-e aufmerksam wurde, änderte sich der Verlauf seiner künstlerischen Laufbahn beinahe vollständig. Émile Bernard, ein Freund van Goghs, begann damit, große Bereiche mit simplen Farben und kräftigen Umrissen in seine Werke einfließen zu lassen und van Gogh folgte ihm schließlich. Die Techniken des Ukiyo-e haben einen großen Teil von van Goghs Vermächtnis ausgemacht und sein Werk von dem vieler anderer westlicher Künstler unterschieden.

Van Gogh's
Vincent van Goghs Die Kurtisane (nach Eisen) zeigt, welchen Einfluss japanische Holzschnitte auf die westliche Welt hatten. Via Van Gogh Museum
Vincent van Gogh
Van Gogh verwendet kräftige Farben, ausgedehnte Konturen und lockere Umrisse, um ein flaches Design zum Leben zu erwecken. Via Met Museum

Viele Künstler waren fasziniert vom asymmetrischen Raum und den endlosen Horizonten der Gemälde und begannen damit, diese Merkmale in ihre eigenen Werke einfließen zu lassen. Viele dieser westlichen Varianten der Ukiyo-e-Techniken haben Design zu dem gemacht, was es heute ist.

Auch wenn die Werke des Ukiyo-e ähnliche Zwecke verfolgten wie die der westlichen Kunst, unterscheiden sie sich doch erheblich von dem, was die westliche Welt hatte und weiterhin anstrebt. Ukiyo-e steht im direkten Gegensatz zum westlichen Wunsch nach Hyperrealismus und konzentriert sich stattdessen auf minimalistischere Linienführung, wodurch flache und asymmetrische Gemälde mit lebhaften und doch einfachen Farbschemata entstehen, die das urbane Japan und sein Nachtleben darstellen. Noch heute konzentriert sich moderne Kunst eher auf expressionistische, detailreiche und surreale Malstile, aber kräftige Farbschemata und Menschen, die im Mittelpunkt stehen, sind unter dem Einfluss des Ukiyo-e erhalten geblieben.

Mit Ukiyo-e zu einer unverwechselbaren Marke

Viele Aspekte des Ukiyo-e können genutzt werden, um in der Welt des Grafikdesigns etwas Neues zu schaffen. Es ist vielseitig, aufsehenerregend und unverwechselbar. Ukiyo-e zu verwenden ist nur eine Möglichkeit, um aus der Masse herauszustechen und Marketing und Werbung in der heutigen Gesellschaft auf eine einfachere, traditionellere und gleichzeitig auffälligere Weise zu gestalten.

Manche lassen sich von den natürlichen Landschaften inspirieren, die in der japanischen Kunst so bekannt sind, wie beispielsweise der Designer Stephen., der Berge mit dicken Strichen in den Mittelpunkt rückt. Andere Designs lassen sich dagegen von den Wellen inspirieren, um Assoziationen zu dem bekannten Werk „Die große Welle vor Kanagawa“ herzustellen.

Auch die Darstellung von Frauen findet sich im heutigen Branding. Die Designs von hanifimawan und leargamar zeigen, wie viele Kunstschaffende Frauen in ihrem Branding verwenden.

Wie geht es mit Ukiyo-e weiter?

Ukiyo-e spielt in der modernen Designwelt noch immer eine bedeutende Rolle. Neben dem Einfluss, den es auf viele noch heute verwendete Techniken hat (oftmals ohne dass man davon weiß), wird auf diesem Stil noch heute aktiv aufgebaut.

Sein Einfluss auf Grafikdesign findet sich auch im Marketing. Viele Logos, Illustrationen, Poster, Verpackungen und Werbungen nutzen seine Merkmale, um Natur und Menschen darzustellen, und machen sich darüber hinaus das flache, farbkräftige Design zunutze. Ukiyo-e-Design zeigt die Vielseitigkeit seiner Merkmale und wie es noch immer für jede Marke genutzt werden kann.

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