Wer auch immer gesagt hat, Kunst entsteht aus Schmerz, könnte einen Designbegriff wie „Brutalismus“ vorhergesehen haben. Auch wenn dieser Begriff eher nach einem Angriff aus dem Videospiel Mortal Kombat als einer Kunstbewegung klingt, ist brutalistisches Design nicht so bedrohlich, wie man erwarten würde. Der Begriff stamm vom Französischen béton brut, was roher Beton bzw. Sichtbeton bedeutet, und wie der Name vermuten lässt, ist dieser Stil schroff, ehrlich und fesselnd. Die Bewegung begann in den 1950er Jahren und hat bis heute ihren Reiz nicht verloren.

Abstraktes brutalistisches Designbeispiel
Design von OrangeCrush

Gleichzeitig ist Brutalismus nicht nur faszinierend, sondern auch kontrovers: Kritiker haben ihn von „kalt“ bis „abscheulich“ schon alles genannt. Es handelt sich um einen Stil, der schon immer eine Reaktion ausgelöst hat, im Guten wie im Schlechten. Daher musst du genau wissen, worauf du dich einlässt, wenn du ihn für deine Designs nutzen möchtest.

Was ist Brutalismus?

Brutalismus ist eine zweckmäßige Ästhetik-Bewegung, die auf Verzierungen verzichtet, um stattdessen die im Design verwendeten Rohmaterialien zu offenbaren und zu zelebrieren. Seine Blütezeit lag größtenteils in der Architektur der 1950er bis 1970er Jahre, doch in letzter Zeit erlebt er im modernen digitalen Design eine Wiederauferstehung.

Der Grund, weshalb Brutalismus sich so leicht zwischen höchst unterschiedlichen Designdisziplinen bewegen kann, liegt darin, dass er mehr eine Geisteshaltung beschreibt als visuelle Merkmale. Durch die Offenlegung der Baumaterialien hat Brutalismus nichts zu verbergen. Er tauscht die hohen Ideale der Schönheit gegen die kalte, bittere Wahrheit.

Brutalismus vs. Minimalismus

In gewisser Weise ist der Brutalismus in seiner grundlegenden Philosophie mit dem Minimalismus verwandt, aber es gibt entscheidende Unterschiede. Auch beim Minimalismus gilt, dass weniger mehr ist, und auch er reduziert Design auf seine grundlegenden Elemente. Gleichzeitig geht der Minimalismus in der Regel nicht so weit, ein Design vollständig zu entblößen.

Bei einer minimalistischen Website spielen beispielsweise trotz allem Farbschema und Typografie eine Rolle, wohingegen eine brutalistische Website scheinbar komplett auf jegliche Stilelemente verzichtet und nur rein weiße Hintergründe und Standardschriften wie Times New Roman verwenden kann.

Brutalist app design
Brutalismus ist tendenziell roher und abenteuerlicher als Minimalismus. Design von Ben Johnson via Dribbble
Minimalist typography-based web design
Minimalismus weist noch immer traditionelle ästhetische Prinzipien auf. Design von blauäugiger Barbar

Beim Brutalismus geht es weniger um Schmucklosigkeit, sondern mehr darum, die wenigen vorhandenen Designelemente zu zelebrieren. Bei vielen brutalistischen Gebäuden wird beispielsweise Sichtbeton in so übertriebener Weise verwendet, dass jeder Minimalist erschaudern würde. Daher kann ein brutalistisches Design entgegen aller Erwartungen extravaganter und extrem minimalistischer sein als tatsächliches minimalistisches Design.

Die Merkmale des Brutalismus

Die visuellen Merkmale des Brutalismus können schwer zu greifen sein, da sie sich nicht nur von Designer zu Designer unterscheiden, sondern auch von Medium zu Medium. Lass uns daher einen Blick auf die typischen Eigenschaften des Brutalismus werfen:

  • Zurschaustellung der Materialen – Beton in der Architektur, standardmäßiges HTML ohne Stilelemente
  • Monochromatische Farbschemata, oftmals Schwarz-Weiß oder Grau
  • Betonung auf reine Funktionalität, ohne Dekoration
  • Modulare, sich wiederholende Designelemente
  • Geschichtete, extrudierte Platten
  • Geradlinige Kanten
  • Unbearbeitete Designelemente

Die Geschichte des Brutalismus

Brutalistische Architektur

Diese Geschichte beginnt mit Zerstörung. Wir befinden uns in den 1940er Jahren, der Zweite Weltkrieg ist gerade zu Ende gegangen und viele Gebäude in Großbritannien liegen in Schutt und Asche. Das Land muss schnell wieder aufgebaut werden, mit Häusern für die Vertriebenen und Regierungsgebäuden, um die Ordnung wiederherzustellen. Darüber hinaus mangelt es aufgrund des jahrelangen Krieges an Baumaterialien.

Mietskasernen in Chruschtschowka
Sowjetische Chruschtschowka-Häuser. Bild via Bloomberg

Unterdessen braut sich ein Krieg der ganz anderen Art mit einem ihrer ehemaligen Verbündeten zusammen: der Sowjetunion. Die Sowjets haben ihre eigene Wohnungsnot: Zusätzlich zur Beseitigung der Kriegsschäden sind die urbanen Zentren überbevölkert und die kommunistische Regierung hat Wohnraum für alle versprochen. Ihre Lösung besteht in vorgefertigten Plattenbauten, sogenannten Chruschtschowkas, die alle denselben Grundriss haben und aus billigen Baumaterialien bestehen. Diese sind nicht nur ein effizienter Weg, um Sozialwohnungen in großer Masse zu bauen, sondern passen auch zum Ethos der Kommunisten: die Gebäude lehnen bürgerliche Überheblichkeit ab und spiegeln in ihrer Gleichheit die soziale Gleichstellung wider.

Der damalige Westen, der gegen alles Kommunistische ist, betrachtet diese Gebäude anders – als Ausdruck beklemmender Uniformität und Armut. In der Folge gibt es in Großbritannien immer mehr brutalistische Designer und Designerinnen, die sich diesem Dilemma stellen. Sie nutzen billige Rohstoffe, allerdings mit auffälligeren Merkmalen, um den Gebäuden ein Gefühl von Individualität und Würde zu verleihen. Überall in Großbritannien entstehen Gebäude mit kahlen Betonfassaden und extrudierten Bereichen: die Hunstanton School, Smithson Plaza in der City of Westminster, der Balfron Tower und das National Theatre.

Mit der Zeit breitet sich dies auf andere Teile der Welt aus, hauptsächlich auf institutionelle Gebäude: die Alumni Hall des Illinois Institute of Technology, die Perth Concert Hall in Australien, die Robarts Library in Toronto. In einer Ausgabe des Magazins Architectural Digest aus dem Jahr 1953 taucht zum ersten Mal der Begriff „Neuer Brutalismus“ auf und eine globale Bewegung ist geboren.

The Balfron Tower in London
Der Balfron Tower in London. Bild via wikimedia
Robarts Library in Toronto
Robarts Library in Toronto, Bild via wikimedia
Boston City Hall
Boston City Hall, Bild via wikimedia
The National Theatre in London
The National Theatre in London, Bild via wikimedia
Buffalo City gerichtsgebäude
Das Gebäude des Buffalo City Court ist ein klassisches, düster wirkendes, brutalistisches Regierungsgebäude, dass Assoziationen zu Totalitarismus hervorruft. Bild via wikimedia

Trotz seiner Beliebtheit konnte der Brutalismus sich nie davon lösen, mit totalitären Regimes assoziiert zu werden. Da die schweren, grauen Platten häufig genutzt wurden, um institutionelle Gebäude zu errichten, fühlten sie sich noch unzugänglicher, farbloser und aufgezwungener an.

Filme, in denen es um Totalitarismus geht, setzen in der Regel auf ein brutalistisches Szenenbild, wie man am grauen und kantigen Hintergrund von Michael Radfords Filmadaption von 1984 sieht. In der Folge verlor dieser Stil in den 70ern größtenteils an Bedeutung. Aber er hinterließ diverse Monumente, die Skylines auf der ganzen Welt dominieren und darauf warten, die nächste Generation von Designern zu inspirieren…

Das Revival des Brutalismus im digitalen Design

In den vergangenen Jahren feierte der Brutalismus an ungewöhnlichster Stelle ein Revival: auf digitalen Benutzeroberflächen. Oberflächlich betrachtet scheint die Verbindung zwischen brutalistischer Architektur und Webseiten kaum vorhanden, wenn nicht gar unmöglich.

In der brutalistischen Architektur stehen Rohmaterialien, besonders Beton, im Vordergrund, aber Webdesign ist natürlich digital und ohne jegliche physische Materialien – ob im Rohzustand oder sonst wie. Aber die zugrundeliegenden Eigenschaften des Brutalismus, vor allem die Authentizität und effiziente Bauweise, sind genreübergreifend.

Craigslist interface
Craigslist ist seit den 90ern seiner minimalistischen Ästhetik treu geblieben. Via Craigslist

Die Anfänge des Brutalismus im Webdesign waren größtenteils funktionaler Natur: Eine der bekannteren brutalistischen Seiten ist Craigslist, deren minimalistische Erscheinung sich seit den 90ern nur wenig verändert hat. Egal ob beabsichtigt oder nicht, wann immer sich im Webdesign auf simple, unprätentiöse und zweckmäßige Benutzeroberflächen konzentriert wurde, entschied man sich für einen brutalistischen Ansatz.

Seit ungefähr 2014 gibt es aus verschiedenen Beweggründen immer mehr brutalistische Webseiten. Die Adaption des Begriffes „Brutalismus“, um digitales Design zu beschreiben, scheint auf Pascal Deville, Mitgründer der Kreativagentur Freundliche Grüsse, zurückzugehen. Er gründete die Seite brutalistwebsites.com, um das von ihm beobachtete neue Online-Phänomen zu dokumentieren.

Er beschreibt das Revival als jugendliche Rebellion gegen sanfte, massenfreundliche Stile wie Flat Design oder Material Design, die mittlerweile im modernen Web allgegenwärtig sind. Im Gegensatz zum traditionellen Brutalismus scheint der Reiz nun „in seiner Schroffheit und der fehlenden Sorge, behaglich oder einfach auszusehen“ zu liegen.

Screenshot brutalistwebsites.com
via brutalistwebsites.com

Die visuellen Merkmale des Brutalismus der digitalen Welt werden nun deutlicher durch Typografie und Farbe zum Ausdruck gebracht und erstrecken sich auf alle möglichen Arten von Designs. Schauen wir uns einmal an, auf welche vielfältige Art und Weise Designerinnen und Designer Brutalismus heutzutage interpretieren.

Brutalismus im modernen Design

Der Brutalismus des modernen Zeitalters hat seine Wurzeln in den Ideen seiner architektonischen Vorgänger. Genau wie die Betonplatten auch lässt dich digitaler Brutalismus die blanken Stellen sehen, die andere Designer und Designerinnen mit Farbe und Textur verbergen würden. Ebenso wie die rauen Kanten der Gebäude, vermeiden brutalistische Webseiten jegliche Bearbeitung und zeigen standardmäßige Computerschriften und quadratische, unbearbeitete Bilder.

Ein wiederkehrendes Merkmal des klassischen Brutalismus ist der imposante Charakter seiner riesigen, steinernen Gebäude. Webdesigner und -designerinnen interpretieren dies oftmals in Form übergroßer Typografie.

 Brutalist web page design
Design von Vukasin Stancevic via Dribbble
Brutalist webpage design
via Cargo

Design von Davide Baratta via Dribbble

Design von Aleksandar Igrošanac via Dribbble

Digitale Designer und Designerinnen unterlaufen auch die klassischen Klischees des Brutalismus und erreichen so Dinge, zu denen Architekten und Architektinnen mit physischen Materialien nicht in der Lage sind. Eine neuere, beliebte Interpretation dieses Stils erschien 2019 im Videospiel Control.

In dem Spiel bewegen sich die Spielenden in einem geheimnisvollen Bürokomplex, bekannt als das Älteste Haus. Viele der Gebäude sind im klassischen brutalistischen Stil gehalten. Was fehlt, ist die Offenheit – ein Merkmal brutalistischer Gebäude ist, dass man sich anhand ihres Äußeren ihr Inneres vorstellen kann. In Control dagegen, ist das Innere des Ältesten Hauses verstörend labyrinthartig und endlos. Die Spielenden beobachten diverse Male, wie sich die Steinplatten von selbst neu anordnen.

Control in-game screenshot gameplay
Control via Remedy Games

Auf gleiche Weise können Webdesigner und -designerinnen auf die ursprüngliche Form des Brutalismus eingehen, indem sie Animationen nutzen, um die Merkmale des digitalen Brutalismus zu betonen, oder das Fehlen echter Grenzen im Web nutzen, um Designs zu entwerfen, die über den Rand hinausgehen.

Dieses Design macht sich Animation zunutze, um brutalistische Elemente durchzugehen. Etwas, das brutalistische Architekten und Architektinnen nicht können. Design von Renato Mandic via Dribbble

Während Brutalismus heutzutage am beliebtestem im Webdesign ist, lassen sich viele seiner stilistischen Merkmale wie Einfarbigkeit und unbearbeiteter Text auch für andere Designs wie Poster oder Buchcover nutzen. Wichtiger ist es, Zielgruppe und Tonfall zu bedenken – mit anderen Worten, für welche Projekte und Marken sich Brutalismus eignet.

Wie Deville bereits sagte, wirkt zeitgemäßer Brutalismus jugendlich und rebellisch und zielt in der Regel auf jüngere, kreative Zielgruppen ab. Da er so polarisieren kann, sieht man Brutalismus häufig bei persönlicheren Projekten wie beispielsweise einer Portfolio-Website oder Blogs. Projekte, die sich kreative Freiheiten erlauben können, zum Beispiel Albumcover, Branding für Streetwear oder Designs zu Unterhaltungszwecken, lassen sich ebenfalls gut mit einer brutalistischen Ästhetik kombinieren.

Brutalismus passt auch gut zu weniger umfangreichen Designs – die Kargheit des Brutalismus kann auf einer Website, die du länger als nur ein paar Minuten nutzt, anstrengend sein. Und schließlich ist er besonders nützlich für Marken, die sehr viel nutzergenerierten Content nutzen, da er die Produkte in ihrem natürlichen, unbearbeiteten Zustand zeigt.

Brutalist magazine layout design
Brutalistisches Magazindesign von Luka Marr via Dribbble
Brutalist poster design
Brutalistisches Posterdesign von HARRY VINCENT über Dribbble

Eine wichtige Unterscheidung, die das UX-Kollektiv Nielsen Norman Group trifft, ist der Unterschied zwischen Brutalismus und dem, was sie als „Antidesign“ bezeichnen. In vielen Fällen haben diese zwei die gleichen Merkmale: einen unbearbeiteten Designansatz und der Verzicht auf konventionelle Ästhetikprinzipien. Antidesign (wie der Name vermuten lässt) legt Wert auf Hässlichkeit, oftmals mit sich beißenden Farben, einer nicht zu erkennenden visuellen Hierarchie und schrägem, schwer lesbarem Text.

Antidesign verkörpert eher eine Punk-Mentalität, wohingegen die Wurzeln des Brutalismus in der Effizienz und Funktionalität liegen. Was ein brutalistisches Design ausmacht, hängt manchmal von der Intention ab, aber das überwältigende Gefühl, welches es hervorruft, bleibt dasselbe.

Traue dich, brutal(istisch) zu sein

Ob Brutalismus nun so furchteinflößend ist, wie er klingt, hängt davon ab, wen du fragst. Aber letzten Endes lässt sich ein Designstil, der über Jahrzehnte für so viel Ärger und Faszination gesorgt hat, nur schwer ignorieren. Brutalismus ist aus der Asche des Krieges entstanden, bot den Menschen eine Unterkunft und selbst 70 Jahre später stehen seine Bauwerke noch immer. Es lohnt sich definitiv, einen solch kraftvollen Stil hin und wieder bei deinen Designprojekten auszuprobieren.

Eine Warnung vorweg: Brutalismus ist so eindrucksvoll, dass die Versuchung groß ist, ihn zur reinen Effekthascherei zu verwenden. Um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen, erinnere dich daran, woher der Brutalismus stammt und wie er Design brutal ehrlicher gemacht hat.

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