Inklusives Design, also Designs so zu gestalten, dass sie auch für zuvor ausgegrenzte Menschen funktionieren, ist ein Konzept, das viele für eine Selbstverständlichkeit halten. Um inklusiver zu werden, musst du dir allerdings erst einmal eingestehen, dass du nicht inklusiv bist, was im Gegensatz zu deinem Selbstbild stehen kann. Oft designen wir ausschließlich aus der eigenen Perspektive heraus, ohne die persönlichen Erfahrungen anderer zu berücksichtigen. Inklusives Design erfordert daher die bewusste Entscheidung, diverse Erfahrungen miteinzubeziehen und etwas ändern zu wollen.

Abbildung von vier Menschen mit Behinderungen und entsprechenden Symbolen
Illustration von OrangeCrush

Inklusives Design ist jede Mühe wert, denn klar es ist zum einen eine nette Geste, aber zum anderen ist es auch aus wirtschaftlichen Aspekten von Bedeutung. Das Gegenteil von inklusiv ist exklusiv und der Logik nach verlieren die Unternehmen, die einen Teil der Kundschaft ausschließen, eben genau diesen Teil der Kundschaft. Darüber hinaus ist inklusives Design für viele Unternehmen zum Standard geworden, darunter Microsoft und IBM und viele andere große und auch kleine Player.

Unternehmen, die diese Grundlagen nicht übernehmen, gehen das Risiko ein, hinter der Konkurrenz zurückzufallen. Daher werden wir dir erklären, was inklusives Design ist und wie du es in deinen Designprozess einbringst.

Was bedeutet inklusives Design?

Inklusives Design ist die fortlaufende Entwicklung von Lösungen, die die Sichtweisen, Erfahrungen und Situationen von Menschen berücksichtigen, die zuvor nicht berücksichtigt wurden. Es steht in enger Beziehung zu seinem Gegenbegriff: Exklusion. Bei inklusivem Design geht es größtenteils darum, Exklusion zu beseitigen und alle mit einzubeziehen.

Der Begriff „Inklusivität“ mag sich wie ein politisches Schlagwort anhören, aber letzten Endes handelt es um eine ganz einfache Idee: sich darum zu bemühen, dort inklusiv zu sein, wo Inklusion nicht existiert.

Um dies zu verstehen, lass uns einen Blick auf die vielen Faktoren werfen, die dazu führen können, dass jemand eingeschlossen oder ausgegrenzt wird. Diese Faktoren können physisch oder emotional, permanent oder temporär, situationsabhängig oder situationsunabhängig sein. Faktoren, die physisch, permanent und situationsunabhängig sind, können in Zusammenhang mit der ethnischen Herkunft, dem Geschlecht, der Mobilität und dem Alter stehen. Bei emotionalen, temporären und situationsabhängigen Faktoren könnte es sich um jemanden handeln, der ein Design nach einem anstrengenden Tag oder unter Stress nutzt. All diese Faktoren haben Einfluss darauf, wie jemand ein Design erlebt oder wahrnimmt.

Illustration verschiedener App-Kunden für eine Finanz-App
Von VanessaBowman

Inklusives Design ist daher eine Möglichkeit, auf diese Situationen einzugehen. Es kann alles Mögliche beschreiben, von der Verwendung von Stockfotos mit Menschen unterschiedlicher Herkunft bis hin zu Designs für Menschen, die ein Mobiltelefon statt eines Desktops benutzen.

Diese Ausgrenzungen zu berücksichtigen hat oftmals Auswirkungen auf andere. Video-Untertitel können beispielsweise sowohl für hörgeschädigte Menschen hilfreich sein als auch für gesunde Menschen, die dasselbe Video in einer lauten Umgebung schauen.

Microsoft formuliert es wie folgt: „Inklusives Design bedeutet nicht, dass du eine Sache für alle Menschen machst. Du designst verschiedene Möglichkeiten, sodass jeder an dem Erlebnis teilhaben kann und sich zugehörig fühlt.“

Zu guter Letzt habe ich ein paar Situationen hervorgehoben, die zeigen, dass inklusives Design ein Prozess ist. Dies ist wichtig, um inklusives Design zu verstehen: Es ist im Grunde ein Verb, eine kontinuierliche Handlung. Es ist kein Endergebnis, bei dem du dich zurücklehnst und sagst: „Wir haben es geschafft“ Wir haben die maximale Inklusion erreicht!“

Wenn du jemanden durch dein Design einschließt statt ihn auszugrenzen, kannst du behaupten, dein Design ist inklusiv, aber natürlich wird es immer noch Menschen geben, die ausgeschlossen sind. Die Arbeit geht also weiter. Letzten Endes ist inklusives Design sowohl ein Designansatz mit umsetzbaren Schritten als auch eine Denkweise, die du jeden Tag mit auf die Arbeit nimmst und die Vorstellungskraft, Lernfähigkeit und Empathie erfordert.

Inklusives Design ist kein geradliniges, einfach zu greifendes Konzept, da das, was es beschreibt, so umfassend sein kann. Für mehr Informationen empfehle ich, das Interview „What You’re Getting Wrong About Inclusive Design“ mit Kat Holmes zu lesen, der Begründerin inklusiven Designs bei Microsoft.

Es gibt ein paar verwandte Konzepte, die häufig mit inklusivem Design in einen Topf geworfen werden, und es ist wichtig, dass wir zwischen diesen Begriffen unterscheiden.

Inklusives Design vs. barrierefreies Design

Barrierefreies Design (und Barrierefreiheit im Allgemeinen) kann Teil eines inklusiven Designs sein, da beide auf dasselbe Ziel hinarbeiten – Designs zu kreieren, die einem breiten Spektrum von Menschen gerecht werden.

Buchcover mit einer Katze im Rollstuhl
Von Carol Studio

Barrierefreiheit enthält allerdings das Wort „Barriere“ und dies ist ein Hinweis auf den entscheidenden Unterschied: Es beschreibt, ob es eine buchstäbliche Barriere gibt, die jemanden daran hindert, etwas zu erfahren.

Zu den bekannten Beispielen zählen beispielsweise Treppen, die einen Zugang mit Rollstuhl verhindern, oder eine Website, auf der der Text zu klein ist, um ihn erkennen zu können. Die Frage der Barrierefreiheit konzentriert sich eher auf bestimmte Behinderungen. Bei inklusivem Design geht es dagegen darum, Punkte zu erkennen und zu beseitigen, die zu Ausgrenzung führen, und dazu muss ein Design manchmal so gestaltet werden, dass es auch für Menschen mit Behinderungen zugänglich ist.

Manchmal geht es schlicht darum, Usern an Stellen das Gefühl zu geben, willkommen zu sein, wo es zuvor nicht offensichtlich war.

Inklusives Design vs. universelles Design

Universelles Design ist ein Begriff, der in der architektonischen und industriellen Designwelt entstanden ist. Daher beschreibt er eher ein Endprodukt – eine physische, unveränderliche Sache – und evaluiert, ob diese Sache erfolgreich für so viele Menschen wie möglich designt wurde.

Wie bereits erwähnt, handelt es sich bei inklusivem Design um einen fortlaufenden Prozess. Es wird in der Regel im Zusammenhang mit digitalem Design verwendet, auch wenn es für so ziemlich alles genutzt werden kann. Ein universelles Design kann das Ergebnis eines inklusiven Designansatzes sein.

Ein Design kann inklusiv sein und dennoch nicht universell – es schließt also manche Menschen mit ein, aber nicht jeden.

Der inklusive Designprozess

Der inklusive Designprozess verläuft nicht geradeaus. Da das Ziel darin besteht, diejenigen mit einzuschließen, die zuvor ausgegrenzt wurden, hängt er letzten Endes von deiner Zielgruppe, deinem Produkt und deiner Marketingstrategie ab. Im Folgenden haben wir ein paar Tipps dazu, wie du herausfindest, welche inklusiven Handlungen für dich funktionieren.

Darstellung der Prinzipien des inklusiven Designs
via Microsoft

Mache Inklusion schon zu Beginn des Designprozesses zu einer Priorität

Ein inklusives Design ist größtenteils eine Mentalität und nichts, das man ein- und ausschalten kann. Es sollte dich von Anfang bis Ende begleiten. Deshalb musst du es vermeiden, inklusives Design erst im Nachgang zu berücksichtigen. Dies kann zu oberflächlichen, übereilten Ergebnissen führen. Stattdessen ist es am besten, schon während der frühen Phase der Ideenfindung deines Designs über Inklusion nachzudenken. Das ist auch praktischer, denn es ist schwieriger, größere Veränderungen an einem Projekt vorzunehmen, wenn das Design schon fast fertig ist.

All das soll natürlich nicht bedeuten, dass du dein Design nicht inklusiver gestalten kannst, nachdem es bereits implementiert wurde – nur, dass es dann schwieriger wird. Wie heißt es so schön, lieber spät als nie. Aber vergiss nicht, dass inklusives Design nicht einfach nur eine Aufgabe ist, die man abhaken muss, sondern eine spezielle Denkweise.

Avatar-Illustrationen verschiedener Personen
Von Nandatama ✪

Identifiziere, welche Annahmen du zu deiner Zielgruppe hast

Die meisten Marken führen Marktforschung durch, um ihre Zielgruppe zu verstehen und diese ist, anscheinend, deine sogenannte Ingroup, also der Teil der Menschen, dem dein Design nutzen soll. Sei dir bewusst, dass diese Information nicht unfehlbar ist. Zielgruppenforschung basiert sowohl auf Daten als auch Vorhersagen, aber sie kann dir eine gute Vorstellung davon geben, welche Annahmen du bereits zu deiner Zielgruppe hast. Diese Annahmen zu identifizieren ist der erste Schritt, um sie zu hinterfragen.

Der nächste Schritt besteht darin, Beispiele von Zielgruppensegmenten zu finden, die du möglicherweise übersiehst. Dazu musst du deine unterbewussten Vorurteile hinter dir lassen. Schauen wir uns das im nächsten Abschnitt einmal an.

Suche nach Perspektiven außerhalb deiner eigenen

Der Sinn und Zweck inklusiven Designs besteht darin, andere Perspektiven und Erfahrungen als die eigenen zuzulassen. Aus diesem Grund ist inklusives Design nichts, was Designschaffende allein angehen können. Es ist eine Zusammenarbeit, bei der man mit anderen reden und von ihnen lernen muss. Mit anderen Worten, du musst deine Perspektive so weit es geht erweitern.

Dies kann beispielsweise so aussehen, dass du auf negative Bewertungen von Menschen hörst, diverse Teammitglieder an einem Design arbeiten lässt und ein Design an einer Gruppe diverser Menschen testest. Achte darauf, wen deine Mitbewerber einschließen, aber auch darauf, wen sie ausgrenzen. Lies die Beiträge diverser Vordenker der Branche und finde heraus, wie sie sich in der Welt zurechtfinden und welchen Herausforderungen sie gegenüberstehen.

Darstellung des Persona-Spektrums von Microsoft
via Microsoft

Du solltest diese Sichtweisen zusammen mit deiner Zielgruppenforschung nutzen, um mögliche Punkte zu finden, an denen du ausgrenzt. Microsoft nutzt zu diesem Zweck in seiner Anleitung für Inklusion das Persona Spectrum, in dem sie überlegen, wie Design für Menschen auf Grundlage bestimmter physischer Faktoren funktionieren könnte.

Konzentriere dich auf Design als Lösung

Sobald du ein paar Dinge gefunden hast, die zu Ausgrenzung führen, musst du daraus umsetzbare Designentscheidungen machen. Im Wesentlichen ist dies die Stelle, an der du eine Brücke zwischen Problem und Lösung schlägst. Ein Problem könnte zum Beispiel sein, dass dein Design User bei direkter Sonneneinstrahlung ausschließt. Die Designlösung bestünde darin, den Kontrast zu erhöhen, sodass die relevante Information leichter zu erkennen ist.

Ein großer Vorteil, den digitales Design gegenüber physischem Design hat, ist, dass du die Menschen entscheiden lassen kannst, wie sie deinen Content erleben wollen. Individuelle Anpassungsmöglichkeiten wie das Ändern des Farbschemas für bestimmte Funktionen können viel dazu beitragen, Inklusion zu fördern.

Mache inklusives Design zu einer fortlaufenden Praxis

Bei inklusivem Design werden Designs so gestaltet, dass sie für Menschen funktionieren, für die sie zuvor nicht funktioniert haben. Es ist unerlässlich für Unternehmen, um Kundensegmente zu erreichen, die sie bisher vernachlässigt haben. Aber Inklusion muss fortlaufend stattfinden. Sie sollte über diesen Artikel hinausgehen, um Teil deines Designalltags zu werden.

Lerne aus deinen eigenen Erfahrungen, die du bei der Beseitigung von Ausgrenzung gemacht hast, erarbeite deinen eigenen Prozess zu inklusivem Design und schule dich und deine Angestellten diesbezüglich. Nicht jeder wird inklusives Design direkt beim ersten Mal richtig machen, aber es ist niemals zu spät, den eigenen Horizont zu erweitern.

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