Die Interaktion von Mensch und Technik

Das Internet und alle damit verbundenen Technologien gelten als die Errungenschaft unserer Zeit. Und zweifelsohne sind sie das auch. Sie eröffnen uns ungeahnte Möglichkeiten des Konsums und Unternehmertums und machen uns zeitlich und räumlich deutlich flexibler. Neben diesen neuen Freiheiten, die ein jeder erst einmal in seinen Alltag einordnen muss, hält die neue Technologie aber auch Tücken für uns bereit. Sie formt unsere Art zu kommunizieren und beeinträchtigt unsere Aufmerksamkeit. Das hat Folgen für unsere Kreativität.

Creative Mornings Berlin

Creative Morning Berlin in der Backfabrik

Kreativität in Zeiten der Ablenkung

Damian Gerbaulet, Professor an der Hochschule Ulm, erforscht seit 2013 die verschiedenen Aspekte der Mensch-Computer-Interaktion am Arbeitsplatz. Am vergangenen Freitag trat er als Speaker der Vortragsreihe Creative Mornings in den Räumlichkeiten der Backfabrik in Berlin auf.

Gerade in der Start-up-Szene wird Kreativität am Arbeitsplatz groß geschrieben. Dementsprechend wird den Mitarbeitern eine Vielzahl an kreativitätsfördernden Mitteln zur Verfügung gestellt, um den Flow in Schwung zu bringen und am Laufen zu halten. Die Büros erinnern an Spielplätze, spezielle Software erleichtert den Umgang mir kreativen Ideen und Feel-Good-Manager sorgen sich eigens um das Wohl des Teams. Dennoch kann die Mehrheit der Mitarbeiter der lückenlosen Stimulanz durch neue Technologien nicht entkommen. Diese Ruhephasen aber braucht es, um Kreativität und Produktivität zu erhalten und zu steigern.

Computer erleichtern unsere Arbeit und sind zugleich die größte Ablenkung. Damian Gerbaulet hat sich intensiv mit diesem Phänomen beschäftigt. Smarte Technologie erfordert smarte Nutzer. Dabei entkräftet er die vielverbreitete Annahme, dass ausschließlich der Mensch sich an die neuen Technologien anpassen muss, um mit ihnen zurechtzukommen. Vielmehr macht er darauf aufmerksam, dass wir es sind, die die Technologien kontrollieren und an unsere (menschlichen) Bedürfnisse anpassen müssen. Wer also der Technologie Schuld am eigenen Kontrollverlust gibt, ist auf dem Holzweg.

Stille für mehr Produktivität

Ablenkung

 

Alle elf Minuten, so Gerbaulet, lassen wir uns am Arbeitsplatz unterbrechen. Dies hat fatale Folgen, wie viele von uns am eigenen Leib erfahren. Ängste, Unruhe und abnehmende Kreativität hemmen den Workflow und schränken unser Wohlbefinden ein. Wir machen Fehler, tun uns schwer, Entscheidungen zu treffen oder einfach mal abzuschalten. In diesem Zusammenhang erklärt der junge Professor auch das Multitasking zu einem Mythos. Menschen sind nur bedingt multitaskingfähig und zwar dann, wenn es sich bei einer der Tätigkeiten um eine automatisierte handelt. Es bringt also gar nichts, ein Leben lang zu versuchen, alles zeitgleich unter einen Hut zu kriegen. Das stresst vielmehr und wirkt somit gegenläufig. Mit der Methode der Selbstbindung, die er anschaulich am Beispiel des zum Schutz vor den Sirenen ans Schiff gebundenen Odysseus, empfiehlt er, die Verlockungen lieber aktiv zu minimieren, als zu versuchen, ihnen zu widerstehen. Um hier erfolgreich zu sein, gibt es allerhand Helferlein und Methoden.

Zen Software beispielsweise minimiert oder eliminiert die Ablenkung und vereinfacht es so, seine Konzentration auf eine Sache zu fokussieren. In Großraumbüros dienen abgetrennte Räume als Rückzugsorte. Wenn es E-Mails sind, die euch ganz besonders zusetzen, dann richtet euch 2-3 feste Zeiten am Tag ein, in denen ihr euren Posteingang checkt. Dazwischen bleibt das Programm geschlossen, denn auch wenn es sich oft so anfühlt, in den seltensten Berufen wird erwartet, dass man permanent auf Abruf ist. Zudem ist es ratsam, den Arbeitstag von Beginn an klar zu strukturieren und in Zonen (inkl. Pausen) einzuteilen. Auch der Umgang und die Dynamik mit den Kollegen hat großen Einfluss auf die eigene Konzentrationsfähigkeit. So nutzen einige Unternehmen sogenannte Tischampeln, die mittels Farben zu verstehen geben, ob der Kollege gerade ansprechbar ist oder man lieber später noch einmal vorbeikommt.

Souveräner Umgang mit Technologien

souveräner Umgang

 

Um die Kontrolle über die Technik am Arbeitsplatz und somit auch die Kontrolle über die eigene Kreativität und Produktivität zu behalten, empfiehlt Gerbaulet folgende Möglichkeiten:

  1. Mehr Achtsamkeit: Nehmt Ablenkungen als solche wahr und gebt ihnen nur bedingt Raum!
  2. Prioritäten setzen: Filtert bewusst, welche Unterbrechungen von Wichtigkeit sind!
  3. Strategie zum Schutz des Geistes entwickeln und erproben
  4. Selbstdisziplin und Konzentrationsfähigkeit trainieren und schärfen: Ob Gehirntraining oder Meditation, pflege deinen Geist!
  5. Verlockungen kennen und unterbinden: Was lenkt euch ganz besonders ab und wie könnt ihr das verhindern?
  6. Schubsreiz suchen, finden und einsetzen: Schubsreize können die Tasse grüner Tee sein oder auch Musik, die zum Wohlfühlen am Arbeitsplatz beiträgt.

Gerbaulet schließt mit dem Fazit, dass unsere Aufmerksamkeit die wohl wertvollste Resource der Welt ist. Geben wir also bewusst auf sie acht, werden auch unserer Kreativität keine Grenzen gesetzt sein!